Von der Kieler Förde an die Weichsel oder wie aus einer E-Mail ein Podiumsplatz wurde

Dass eine Achtermannschaft einmal quer durch Europa nach Polen reist, beginnt nicht zwangsläufig mit einem großen Plan. Im vergangenen September begann alles mit einer unscheinbaren Werbe-E-Mail für eine Langstreckenregatta in Warschau. Beim gemeinsamen Ergotraining machte sie die Runde und aus spontaner Träumerei wurde ein motiviertes Projekt: Ab April standen zwei gemeinsame Trainingseinheiten pro Woche auf dem Programm. Und entgegen allen Erwartungen, die man bei der Terminfindung von neun Studierenden, Berufstätigen oder anderweitig beschäftigten Menschen haben könnte, waren Ella, Franzi, Flexi, Tobi, Simon, Danny, Inke, Lena und Steuerfrau Vivi erstaunlich häufig komplett auf dem Wasser.

 

 

Am Freitag ging es schließlich ganz klimafreundlich mit dem Zug von Kiel über Berlin nach Warschau. Für Ella begann das Regattawochenende sogar noch etwas früher. Gerade einmal rund zwölf Stunden vor der gemeinsamen Abfahrt war sie von einer Finnlandreise mit Konferenz und Urlaub zurückgekehrt. Ausschlafen wurde also kurzerhand auf die Zeit nach Warschau verschoben.

In Warschau angekommen konnte unsere Fanbase noch erweitert werden. Als "Regatta-Mama" schloss sich Tobis Freundin Kathi, die sowieso durch Osteuropa reiste, relativ spontan der Reise an und übernahm am Renntag gleich mehrere wichtige Aufgaben gleichzeitig: Fotos und Videos machen, Wertsachen hüten und lautstark anfeuern. Ein Job, den sie mit Bravour meisterte.

Geschlafen wurde direkt am Regattaplatz in alten Militärzelten auf Feldbetten. Nach einer erholsamen Nacht wurde es dann am Samstagmittag ernst. Gerudert wurde in einem geliehenen Achter mit dem vielversprechenden Namen Krokodyl.

Zum Glück hatte Lena kurz vor der Regatta noch die wohl wichtigste organisatorische Aufgabe übernommen und für die gesamte Mannschaft einheitliche Team-Socken besorgt. Ob sie hydrodynamische Vorteile brachten, lässt sich wissenschaftlich nicht belegen, zum guten Mannschaftsgefühl und auch zur Geschwindigkeit haben sie aber ganz sicher beigetragen.

Pünktlich zum Start beschloss dann auch das Wetter, seinen Beitrag zur Regatta zu leisten. Während wir die vier Kilometer auf der Weichsel absolvierten, öffnete der Himmel seine Schleusen und verwandelte das Rennen in eine ziemlich nasse und zeitweise auch windige Angelegenheit. Das brachte die Mannschaft jedoch zu keinem Zeitpunkt aus der Ruhe, schließlich bedeuten Regen und Wind für Kieler Ruder*innen ohnehin Heimvorteil.

Kurz vor dem Ziel fiel schließlich das Kommando zum Endspurt. Also wurde beschleunigt, gezogen und alles gegeben. Dass der Sprint ungewöhnlich lange dauerte, fiel zunächst kaum auf. Erst als sich das Ziel weiterhin hartnäckig weigerte näherzukommen, entstand der Verdacht, dass Vivi den perfekten Zeitpunkt vielleicht etwas großzügig gewählt hatte. Dass auf diesen letzten 500 m trotzdem niemand aufgehört hat, spricht offenbar für das Vertrauen in die Steuerfrau. Oder dafür, dass ohnehin niemand mehr Luft zum Diskutieren hatte. Und während sich einige nach dem gefühlt kilometerlangen Endspurt fragten, wie man das überlebt hatte, blieb Tobi wie gewohnt gelassen. Sein Fazit zum Schlusssprint wäre vermutlich einfach: "Tip Top".

Der Einsatz wurde allerdings belohnt. Nach reiner Fahrzeit waren wir sogar das zweitschnellste Mixed-Boot des Tages. Da bei der Regatta allerdings Zeitgutschriften für Mannschaften mit einem höheren Altersdurchschnitt vergeben wurden, sprang am Ende ein hervorragender dritter Platz heraus. Neben den Bronzemedaillen durften wir außerdem einen Pokal für die Mannschaft mit der weitesten Anreise mit nach Kiel nehmen, die Reise von der Kieler Förde an die Weichsel hatte sich also gleich doppelt gelohnt.

Für Vivi war der Regattatag damit allerdings noch nicht vorbei. Kaum hatten wir angelegt, wurde sie spontan gefragt, ob sie im nächsten Startblock noch einen polnischen Männerachter steuern könne. Viel Zeit zum Verschnaufen blieb also nicht. Und obwohl Vivis Polnischkenntnisse praktisch nicht vorhanden sind, schaffte sie es trotzdem den Achter sicher ins Ziel zu lenken. Internationale Verständigung funktioniert eben manchmal am besten mit Steuerseilen und Kommandos egal welcher Sprache.

 

 

Flexi hingegen nutzte die internationale Regatta ganz im klassischen Stil und tauschte seinen ARV-Einteiler gegen den eines Warschauer Ruderers. Wer den Bericht von den World University Games in Duisburg gelesen hat weiß inzwischen: ARV-Klamotten sind mittlerweile in mehreren Ländern der Welt unterwegs.

Auch abseits des Wassers blieb das Wochenende abwechslungsreich. Inke hatte für den Samstagabend ihre in Warschau lebende Freundin als Stadtführerin organisiert. Der Plan war gut, nur das Zeitmanagement nicht ganz. Aufgrund diverser Verzögerungen wartete ihre Freundin den Großteil des Tages vergeblich auf uns. Das schlechte Gewissen war am Ende offenbar so groß, dass Inke das gemeinsame Abendessen ausfallen ließ und stattdessen direkt mit ihrer Freundin in eine Bar verschwand. Lange allein blieb sie dort allerdings nicht, denn wenig später traf der Rest der Mannschaft ebenfalls ein und gemeinsam wurden anschließend noch einige Cocktails getrunken.

Für einen Teil der Mannschaft war das Wochenende damit aber noch nicht vorbei. Statt direkt die Heimreise anzutreten, blieb ein kleiner Trupp bis Montag in Warschau. Neben einer Stadtführung durch die wunderschöne Altstadt bestand das Programm vor allem daraus, sich gemeinsam durch die vegane Restaurant- und Cafészene der Stadt zu probieren. Das Fazit fiel dabei durchweg positiv aus.

Während die meisten anschließend am Montag ohne größere Zwischenfälle den Heimweg antraten, begann für Franzi und Danny ein weiteres Abenteuer. Weil der ursprünglich geplante Zug bereits ausgebucht war, wurde kurzerhand ein früherer gebucht. Klingt zunächst nach einem guten Plan wäre da nicht das kleine Detail gewesen, dass das Ticket versehentlich für Dienstag statt für Montag reserviert wurde. Aufgefallen ist das erst bei der Fahrkartenkontrolle zwischen Warschau und Berlin. Also musste spontan ein neues Ticket gekauft werden. Für die Strecke von Berlin nach Kiel blieb schließlich nur noch das Deutschlandticket und damit eine ausgedehnte Rundreise durch den Regionalverkehr. Während der Rest der Mannschaft längst wieder in Kiel angekommen war, sammelten die beiden somit noch fleißig weitere Bahnkilometer.

Von der Kieler Förde an die Weichsel sind es zwar einige hundert Kilometer, doch rückblickend war jeder einzelne davon die Reise wert. Aus einer spontanen Idee wurde ein gemeinsames Projekt, das uns nicht nur einen Podiumsplatz und einen Pokal, sondern vor allem ein unvergessliches Wochenende beschert hat. Und zwischen Platzregen, Team-Socken, einem etwas zu langen Endspurt und einer unvergesslichen Heimreise bleibt vor allem die Vorfreude auf das nächste gemeinsame Abenteuer.

Vivien Zimmermann